Reisebericht 2016 von Brigitte Ehrlich

Reiseziel Nordkorea

„Eine Reise nach Nordkorea, diesem abgeschotteten Staat mit dem diktatorischen Herrscher, der mit der ulkigen Frisur?! – das kann doch wohl nicht dein Ernst sein!“
Doch, das war es und auch für sieben weitere Reisende, die an der Jubiläumsfahrt des GDCF nach Nordkorea und nach Nordchina teilgenommen haben.
Peking Internationaler Flughafen – mit Air China nach Pjöngjang. Wir sind voller Neugier, aber auch voller Verhaltensregeln und jede/jeder hat seine ganz individuellen Vorurteile im Kopf.
Wir landen auf dem Internationen Flughafen Sunan, ca. 25 km nördlich von Pjöngjang, der 3,3 Millionen Hauptstadt Nordkoreas. In ganz Nordkorea leben ca. 24 Millionen Menschen.
Einreiseformalitäten – mit Spannung erwartet: müssen wir unsere Handys abgeben? Was ist mit den Kameras, Laptops und TablettPcs, was mit dem Magazin ‚Der Spiegel‘ – der wird doch bestimmt einkassiert.
Die Einreisekontrolle ist gewissenhaft, eigentlich so wie überall. Womit wir nicht unbedingt gerechnet haben: die Beamten sind ausgesprochen freundlich, sie lächeln!
Nachdem wir die drei Kontrollstationen Gesundheit, Pass, Zollzettel passiert haben, wundern wir uns, dass nur die semiprofessionelle Fotoausrüstung von Michael R. genauer in Augenschein genommen wurde, er war auch der einzige, der seinen Koffer öffnen musste. Die ‚normalen‘ Kameras, Computer und selbst ‚Der Spiegel‘ konnten problemlos einreisen.

In dem modernen hochglänzenden Glas-, Marmor- und Granit-Flughafengebäude erwarteten uns Frau Kim und Herr Lee, die uns während der ganzen Reise fürsorglich und aufmerksam betreuten.

Das riesige Flugfeld und der große Flughafen strahlten Ruhe aus, es gab vielleicht zwei oder drei Flugzeuge, es gab keine Menschenmassen wie auf dem Pekinger Flughafen – ein Vorgeschmack auf Pjöngjang und alle weiteren Orte, die wir besucht haben.
Auf den geräumigen Straßen und Autobahnen Nordkoreas sind nur wenige Fahrzeuge unterwegs, Stau und rush hour scheinen Fremdwörter zu sein.
Zu Fuß zu gehen, mit dem Rad, seltener mit dem Moped oder Motorrad, mit Bus, Tram oder Metro zu fahren, das ist der Normalfall.
Trotzdem wird der Verkehr von Polizistinnen in schmucken weißen Uniformen, ernsthaft, zackig professionell geregelt, auch wenn sich gerade gar kein Fahrzeug der Kreuzung nähert.
Verkehrspolizistinnen gibt es nur in der Hauptstadt, in allen anderen Orten liegt die Verkehrsregelung in Männerhand.
Unsere Fahrt vom Flughafen in die Stadt in einem modernen japanischen Reisebus vermittelt einen ersten Eindruck: Es ist alles sehr grün, eine schöne hügelige Landschaft. Wir sehen Feldarbeiter und Arbeiter, die an einer Flussbrücke arbeiten – beide in größeren Gruppen, es ist alles reine Handarbeit, sie arbeiten ganz ohne Maschinen. Ein erster Hinweis auf das gegen Nordkorea existierende Embargo*.
(* eine staatlich veranlasste Maßnahme, durch die der Güterhandel mit einem bestimmten Staat verboten wird, um diesen Staat zu bestimmten Verhaltensweisen / Handlungen zu zwingen)

Das Weichbild der 3,3 Millionenstadt Pjöngjang – erster Eindruck: Es gibt etliche herausragende Gebäude, die meisten sind mit besonderen Ereignissen verbunden, die sich auf historische oder gesellschaftliche bzw. politische, das Land prägende Ereignisse beziehen. Es ist sowohl beeindruckend als auch ein wenig bedrückend wie präsent Geschichte, Politik und Gesellschaft sind, auf jeden Fall vermittelt sich ein hoher Respekt gegenüber diesen: So haben wir während der Zeit in Nordkorea mehrfach im Vorbeifahren den Turm der Juche-Idee**, das Monument der Parteigründung, den Triumphbogen, die Chollima Statue (mit Reiter und Pferd), das Freiheits-/Kriegsmuseum, den Kinderpalast, die große Bibliothek und, und, und … gesehen – alles beeindruckende Prachtbauten.
(**Juche-Idee = auf Autarkie ausgerichtet, straff zentralisierte Planwirtschaft)

Ebenso beeindruckend war aber auch der Wohnungsbau – erwartet hatten wir eher graue Plattenbauten wie sie uns aus der DDR in Erinnerung sind. Vorgefunden haben wir moderne farbig gefasste Wohnblöcke und Wohnhochhäuser, sie wirkten luftig locker, wegen der in der Regel pastellfarbigen Anstriche fast fröhlich. Verstärkt wurde dieser Eindruck durch die zahlreichen Grünflächen, Blumenbeete und Bäume.
Architektonisch ist Pyongyang eine ‚junge‘ Stadt. Zum Ende des Koreakrieges 1953 standen nur noch eine Handvoll historischer Gebäude, die Stadt musste vollständig neu gebaut werden.

Unser erster Programmpunkt, noch bevor wir das Hotel bezogen, war der Besuch eines besonders wichtigen und deshalb auch – in den Augen der Nordkoreaner – besonders schönen Monumentes: Die Statuen von Präsident Kim Il Sung und dem großen Führer Kim Jong Il auf dem Mansu Hügel. Hier erhielten wir direkt eine Lehrstunde in Personenkult, ein Ritual, auf das wir während der Reise mehrfach zurückgreifen konnten bzw. mussten.

So wurde uns gezeigt, wie präsent die bereits verstorbenen politischen Führer sind, wie sie verehrt werden, vielleicht verehrt werden müssen. Nachdem wir dem Anlass entsprechend unsere Kleidung ein wenig geordnet und jede/r ein Blumengebinde gekauft hatten, schritten wir in dem weitläufigen Park den kleinen Hügel hinauf zu den Statuen. Dort stellten wir uns in einer Reihe auf und dann mussten wir uns verbeugen (please make bows), den großen Führern liebevoll huldigen und unsere Blumengebinde zu den bereits zahlreich vorhandenen legen, dann konnten wir uns und diesen bedeutenden Ort fotografieren.
Die beiden Kim-Statuen, seit 2012 lächelnd und in Zivilkleidung – Businessanzug und Blazer -, werden von kunstvollen sehr realistischen riesigen Reliefbildtafeln flankiert. Auf der einen Seite sind Kriegsszenen zu sehen, auf der anderen Seite die die Gesellschaft konstituierenden Kräfte, die Bauern, die Arbeiter, die Intellektuellen – sie werden zusätzlich durch Sichel, Hammer und Schreibpinsel symbolisiert – alle Attribute sind, ihrer Wichtigkeit entsprechend, riesengroß.

Nach diesem ersten Pflichtprogramm haben wir unser Wolkenkratzer-Hotel in malerischer Umgebung, schön abgeschottet auf einer Flussinsel bezogen. Und kurze Zeit später lernten wir in einem Stadtrestaurant die koreanische Küche kennen; wir haben sie während der ganzen Reise sehr genossen, eine abwechslungsreiche, sehr schmackhafte Küche, zu der in der Regel ein ebenfalls leckeres süffiges Bier getrunken wird.

An diesem ersten Nachmittag haben wir in kurzer Zeit drei wichtige Dinge kennengelernt, die fast programmatisch für die ganze Reise gewesen sind:
Die politische Lektion „Verehrung der Väter der Nation“, die überraschend beeindruckende Architektur und das wirklich köstliche Essen.

In den folgenden fünf Tagen haben wir Ausflüge gemacht.
Eine Tagestour führte nach Norden, nach Hyangsan ins Myohyan-Gebirge (ca. 1900 m hoch). Besuch der ‚Internationalen Freundschaftsausstellung‘; hier werden die Gastgeschenke gezeigt, die Nordkorea anlässlich von Staatsbesuchen bekommen hat, ein Beweis dafür, wie hoch angesehen die nordkoreanischen Herrscher weltweit sind.
Für uns weitaus eindrucksvoller und interessanter ist der benachbarte buddhistische Puxian-Tempel, ein weitläufiges, sehr gepflegtes Tempelareal in ausgesprochen schöner Umgebung. Die Ursprünge der Tempelanlage gehen auf das Jahr 1045 zurück. Aus dieser Zeit existieren noch die Eingangstore, während die übrigen Gebäude nach Bränden mehrfach erneuert und renoviert worden sind.

Eine weitere Tagestour führte zur südlichen Grenze Nordkoreas, nach Kaesong, in die demilitarisierte Zone. Ein geschichtsträchtiger Ort, über den wir umfassend informiert wurden. Hier wurde 1953 der Waffenstillstand besiegelt.
Überraschend war es, dass man hier sehr wohl auf Touristen eingestellt ist, so erreicht man den ersten kleinen Vortragsraum nur, wenn man einen Souvenirladen durchquert hat.
Und in Kaesong gab es noch eine Überraschung: Wir besichtigen die älteste Konfuzius-Universität. (902 n. Chr.) Diese sehr schöne, gepflegte Anlage mit dem interessanten Koryo-Museum ist ein UNESCO Weltkulturerbe.

Ein wichtiger Ausflug in Pjöngjang diente der Vertiefung unseres Personenkultwissens, der Besuch des prunkvollen Mausoleum-Doppel-Palastes, um den dort aufgebahrten geliebten Führern in besonderer Weise und in ‚Sonntagskleidung‘ unseren Respekt zu zeigen.
Natürlich hat jeder ein eigenes riesiges tempelartiges Palastgebäude, alles glänzt und glitzert, edle Materialien, Marmor und Granit. Und natürlich unterliegt der Besuch hier enormen Sicherheitsbestimmungen, alles wird kontrolliert, alles ist reglementiert, alles superclean. Unsere Schuhsohlen reinigen wir, indem wir über Wasserbürsten gehen, in einer Luftkammer wird jeglicher Staub weggesaugt.

So unterschiedlich die Orte waren, die wir besichtigt haben, ein beeindruckendes Ritual gab es fast überall: Lobpreisung der weisen Führer, die sich zum Wohl des Volkes unermüdlich um alle Belange kümmern. Verblüffend und gleichzeitig beeindruckend war für mich, dass diese Lobpreisungen tatsächlich sehr glaubhaft und überzeugt vermittelt wurden – vielleicht eine normale Folge der Situation, dass Nordkorea seit Jahrzehnten der Juche-Idee verpflichtet ist und total abgeschottet existiert, Einflüsse der übrigen Welt scheint es so gut wie nicht zu geben.
Durch unsere Fahrten in den nahen Norden und in den Süden bis zur Grenze zwischen Nord- und Südkorea haben wir das Land als ein landschaftlich sehr schönes erlebt. Zirka 80% der Fläche sind Gebirge, im Norden sogar mit Wintersportgebieten. Ansonsten gibt es in der Regel Mittelgebirgsniveau, geschmeidige Berge, sanfte Hügel.
Bei nur ca. 20% Fläche, die für Städtebau und Landwirtschaft genutzt werden kann, wird jedes beackerbare Fleckchen Erde zum Anbau genutzt. Das Embargo sorgt auch hier dafür, dass die Erträge nicht exorbitant ausfallen und es sorgt dafür, dass Nordkorea in nur sehr geringem Maße industrialisiert ist.
Auf unserer fast dreistündigen Fahrt in Myohyan-Gebirge, die Autobahn verläuft entlang eines Flusses durch eine üppig grüne Hügellandschaft, habe ich einen einzigen rauchenden Fabrikschornstein gesehen…

Zu unserem dichten Programm gehörten außerdem:
– Die Besichtigung einer landwirtschaftlichen Kommune mit ihrer Infrastruktur. Eine Vorzeigeanlage mit schmucken Wohnhäusern (Photovoltaik-Anlagen auf allen Dächern) für die dort lebenden Landarbeiter und ihre Familien. Es gibt einen Kindergarten, eine Krankenstation, ein großes Freibad, ein kleineres Hallenbad.
Es gibt zwei Labore für landwirtschaftliche Forschung, einen mit modernen Computern ausgestatten Schulungsraum, einen riesigen Vortragssaal. Insgesamt beeindruckend – aber leider wohl nicht der übliche Standard.

– Auf besonderen Wunsch der Gruppe konnten wir ein Stahlwerk mit den angegliederten Sozialeinrichtungen (Schwimmbad, Fitnesscenter, Tischtennisraum, Karaokestation, Frisör, kleiner Zoo) besichtigen.
Im Gegensatz zur Landwirtschaftsgenossenschaft wird in dem Stahlwerk mit veralteter Technik gearbeitet, beunruhigend beeindruckend auch die nicht vorhandenen Sicherheitsmaßnahmen.

– Weitere Stationen unserer Ausflüge in der Stadt waren der Besuch des Kinderpalastes (mit Aufführung), der eines Filmstudios und des Wiedervereinigungsdenkmals, des Kim Il Sung Geburtshauses (heute eine gepflegte Pilgerstätte), der Besuch des riesigen Kriegsmuseumsgeländes mit dem aufwendigen Museumspalast, den Palast des Wissen mit Bibliothek (eine Art Uni für Erwachsene), kurze Fahrt mit der Pjöngjang Metro, 120 Meter unter der Erde. Die beiden Stationen, die wir gesehen haben, sind palastähnlich gestaltet, es strahlen und glänzen die edlen Materialien.

Was wir nicht realisieren konnten:
Aus ‚Zeitmangel‘ fiel der Besuch eines Einkaufszentrum aus; ‚Freizeit‘, um auf eigene Faust etwas zu entdecken war ebenso nicht vorgesehen wie ‚normale‘ Kontakte zur Bevölkerung. Unsere Kontakte in der Stadt gingen nicht über „hello, what’s your name, do you speak English“ hinaus, bezeichnenderweise beschränkte sich diese ‚Kontaktaufnahme‘ auf sehr junge Leute, auf Schulkinder, „normale“ Erwachsene guckten zwar interessiert, zeigten aber keinerlei Interesse an Kontakt – vielleicht durften sie keines zeigen.

Pjöngjang haben wir als eine moderne Stadt mit erstaunlicher Architektur kennen gelernt, mit farbigen Wohngebäuden, imposanten, Herrschaft hauchenden Verwaltungsgebäuden, riesigen Platzanlagen, zahlreiche architektonisch interessante Sportstätten und Sportgebäude und natürlich Monumente, Monumente. Monumente.
Die Stadtstraßen, durch die wir mehrfach gefahren sind, waren in der Regel in sehr gutem Zustand, ordentlich asphaltiert – ganz anders die Autobahn, dort fuhren wir normalerweise über Betonplatten, Asphaltabschnitte gab es sehr selten – gibt es Asphalt nur, wenn das Embargo umgangen wird? Es gab Autobahnabschnitte, die stellenweise so holprig waren, dass uns Herr Lee bat, die Sicherheitsgurte anzulegen.

Das Embargo soll die militärische Entwicklung behindern, zwangsläufig damit auch die industrielle Entwicklung mit den vielfältigen Folgen, die sich auf den Lebensstandard generell und auf die Versorgung der Bevölkerung beziehen. Wie die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln tatsächlich ist, haben wir nicht erfahren.

In den von uns besuchten Städten wirkte es so, dass es in dieser Hinsicht keinen Mangel gibt. Man sieht keine hungrig aussehenden oder ausgemergelten Menschen, aber auch keine dicken. Und so gibt es kaum Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck, Herzinfarkt, Krebs. Die Kleidung ist immer sehr ordentlich, durchaus modisch, oftmals nicht von westlicher unterscheidbar.

Die Kim-Herrscher sorgten und sorgen wie ‚Väter‘ für ihre ‚Staatskinder‘; für die Befriedigung der Grundbedürfnisse; Wohnungen werden kostenlos zur Verfügung gestellt (Zuteilungskriterien sind mir unbekannt), die medizinische Versorgung ist ebenso kostenlos wie die Bildung in Schule (11 Pflichtschuljahre) und Universität.

Jeder Nordkoreaner muss arbeiten, und zwar an sechs Tagen jeweils 8 Stunden. Der Sonntag ist in der Regel arbeitsfrei. Jede/r bekommt ein Gehalt, das von der gesellschaftlichen Bedeutung der Tätigkeit und je nach Branche auch von der Produktivität abhängig unterschiedlich ausfällt. So verdient ein Fabrikarbeiter, weil er produktiv tätig ist, in der Regel das x-fache eines in der Verwaltung Tätigen.
Es müssen aber keine Steuern gezahlt werden. Die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln wird über den Betrieb geregelt. Ich vermute, dass so in Mangelzeiten erreicht werden soll, dass die Menschen eine gewisse Grundernährung bekommen.
Herr Kim fasst die Situation Nordkoreas fast täglich in dem Satz zusammen „Korea ist kein reiches, aber ein glückliches Land“.

 

Dieser Reisebericht ist auch in der Drachenpost (Ausgabe 101) zu finden.